Jahresrückblick – Das war 2024
Liebe Freundinnen und Freunde der Medienwerkstatt,
2024 neigt sich dem Ende entgegen und wie in jedem Jahr möchten wir unsere Gedanken und Gefühle mit euch teilen und zurückblicken. Dieses Jahr war geprägt von Begegnungen – mit Menschen, deren Geschichten gehört werden müssen, und mit Themen, die uns herausgefordert haben. Es war ein Jahr, in dem wir bewusst den Diskurs gesucht und uns nicht vor vielschichtigen und komplexen Themen weggeduckt haben. Die Auswirkungen globaler Krisen – insbesondere der Ukraine-Krieg, der Nahost-Krieg oder die Situation von geflüchteten Journalist*innen – haben uns tief bewegt, und in unserem Ansatz bestärkt, Betroffene durch unsere Filme sichtbar zu machen. Es war uns wichtig, nicht nur die politischen Hintergründe darzustellen, sondern vor allem Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, ihre Geschichten zu erzählen und wenig gehörte Perspektiven zu vermitteln.
Besonders treibt uns der Rechtsruck unserer Gesellschaft um. Anfang des Jahres sind noch Hunderttausende Menschen in ganz Deutschland auf die Straße gegangen, um ein Zeichen zu setzen, doch die Wahlerfolge rechter Parteien und eine zunehmend restriktiver werdende Sozialpolitik bleiben. Diesem Themengebiet möchten wir uns im kommenden Jahr noch ausführlicher widmen. Wir werden hintergründig und konstruktiv berichten, um nicht nur die politischen Entwicklungen zu analysieren, sondern auch deren Auswirkungen auf den gesellschaftlichen Alltag und auf die Menschen, die sich dem entgegenstellen und in diesem Klima leben, zu dokumentieren. Polarisierungen und der Kampf um demokratische Werte stellen uns vor neue Herausforderungen. Gerade deshalb fühlen wir uns verpflichtet, weiterhin Geschichten zu erzählen, die aufklären, berühren und verbinden.
Gleichzeitig wollen wir mit unseren Filmen auch Visionen einer guten und gerechten Zukunft vermitteln, Lust machen auf Engagement und Veränderung. Dieses Jahr konnten wir solche Ideen in unserem Film “Willkommen in NUETOPIA” aufgreifen und haben viel positives Feedback für diesen konstruktiven Ansatz bekommen.
Immer wieder haben wir auch die lokale Kulturszene in den Fokus gerückt – ein Thema, das uns besonders am Herzen liegt. Ob das Jazz Studio Nürnberg, die traditionsreiche Schembart-Gesellschaft, Straßenkünstler*innen oder die Pocket Opera Company. Uns ist wichtig, einen Beitrag dazu zu leisten, Kulturorte und ihre Akteur*innen sichtbar zu machen und ihre Relevanz für eine offene Gesellschaft zu unterstreichen.
Es war ein Jahr, in dem wir als Medienwerkstatt gewachsen sind – sowohl inhaltlich als auch technisch. Wir haben uns weiterentwickelt, unsere Arbeitsweise hinterfragt und neue Perspektiven in unsere Projekte integriert – doch genug der Einleitungsgedanken, denn nun folgt unser ausführlicher Jahresrückblick:
Auszeichnungen und Preise: Im Hinblick auf Auszeichnungen und Preise war dieses Jahr ein besonders erfolgreiches Jahr. Unsere Arbeit wurde in mehreren prestigeträchtigen Kategorien anerkannt und gewürdigt. Wir erhielten die Karl-Bröger-Medaille 2024, eine Auszeichnung, die unser kontinuierliches Engagement für eine gerechte und vielfältige Medienlandschaft honoriert. Außerdem waren wir für den Alternativen Medienpreis in der Kategorie Geschichte nominiert – eine Anerkennung für unseren Film „Mit bumberndem Herzen“ von Judith Dauwalter. Darüber hinaus wurden wir mit dem BLM-Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet und für den BLM-Publikumspreis nominiert. Diese Erfolge zeigen, dass wir mit unserer Arbeit nicht nur gesellschaftlich relevante Themen aufgreifen, sondern auch Gehör finden, und diese Anerkennung motiviert ungemein.
Filmvorführungen: Wie eingangs erwähnt, finden wir es großartig, durch unsere Filme zum Diskurs einzuladen und gesellschaftlich relevante Themen in den Fokus zu rücken. 2024 war für uns ein Jahr voller spannender Veranstaltungen, auf denen unsere Filme gezeigt wurden. Besonders schön war die Vielfalt der Themen, die dabei im Mittelpunkt standen: Vanessa Hartmanns Film über den Global Elternverein wurde im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben! präsentiert und regte zu intensiven Diskussionen über Chancengerechtigkeit an. Sabrina Marzell und Günther Wittmann präsentierten ihren einfühlsamen Film über Ukrainer*innen, die vor dem Krieg geflüchtet sind, bei einem Filmabend des Neuen Museums, wo anschließend intensiv über das Thema Flucht und Ankommen diskutiert wurde. Ein weiteres Highlight war Judith Dauwalters bewegender Film „Mit bumberndem Herzen“, der in der LUISE und im Regensburger LiZe gezeigt wurde und sich mit der kaum vorhandenen Sichtbarkeit widerständiger Frauen im Nationalsozialismus auseinandersetzt. Auch die lokale Kulturszene fand ihren Platz: Michael Aues Film über die Pocket Opera Company wurde im Casablanca Filmkunsttheater gezeigt und würdigt die besondere Arbeit und Kreativität des freien Opernensembles. Diese Veranstaltungen haben uns erneut gezeigt, wie wichtig der direkte Austausch mit unserem Publikum ist – ein Austausch, den wir auch im kommenden Jahr weiter fördern möchten.
Social Media – 2024 im digitalen Raum: 2024 war ein richtig spannendes Jahr für uns auf Social Media! Unsere Community ist weiter gewachsen – fast 3.000 Menschen folgen uns mittlerweile auf Instagram, und wir freuen uns über jede*n Einzelne*n. Wir haben uns einiges einfallen lassen, um unsere Inhalte noch abwechslungsreicher zu gestalten: Zum Beispiel gab es regelmäßige Filmtipps aus dem Medienwerkstatt-Team, bei denen MW-Autor*innen Werke aus den Jahren empfehlen, die sie berühren. Oder alte Archivfilme, die wir passend zu aktuellen Thementagen wie dem Tag der Jugend oder dem Weltaidstag wieder sichtbar gemacht haben.
Besonders stolz sind wir auf unsere Reels mit Untertiteln, die uns nicht nur technisch herausgefordert haben, sondern auch richtig gut angekommen sind. Und dann gab es da noch die Behind-the-Scenes-Interviews, bei denen wir unseren Filmschaffenden den Raum gegeben haben, mehr über ihre Herangehensweise und Recherchearbeit zu erzählen.
Dabei ist uns klar geworden: Lineares Fernsehen und digitale Inhalte dürfen nicht getrennt gedacht werden. Vielmehr ergänzen sie sich, und genau diese Verbindung macht unseren Ansatz besonders spannend. Wir wollen Geschichten erzählen, die sowohl im Fernsehprogramm ihren Platz finden, aber auch online Menschen erreichen, die vielleicht eher zum Handy greifen als zur Fernbedienung.
Barrierefreiheit: Inklusion ist ein Thema, das wir seit Jahrzehnten in unseren Filmen behandeln. Damit das Wort nicht nur eine leere Phrase bleibt, ist es uns ein Anliegen, unseren Sendeplatz barrierefreier zu gestalten. Leider scheiterte es bisher oft an den finanziellen Ressourcen, die solch ein Vorhaben erfordert.
Dieses Jahr konnten wir endlich einen großen Schritt machen! Dank gezielter Förderung unserer “KI-Journey”, bei der wir neue Künstliche Intelligenz im Blick auf Barrierefreiheit testen, war es uns möglich, unsere Sendungen aus dem Jahr 2024 mit Untertiteln auszustatten – sowohl in der Mediathek als auch auf YouTube. Unsere Inhalte sind jetzt nicht nur für Menschen mit Hörbeeinträchtigungen zugänglich, sondern auch für alle, die auf eine barrierefreie Mediennutzung angewiesen sind oder einfach unterwegs ohne Ton schauen möchten. Da wir einen neuen Fördertopf für 2025 ausfindig machen konnten, freuen wir uns, dass die Untertitelung auch im nächsten Jahr weitergehen wird.
Für uns ist das ein großer Erfolg und ein Meilenstein in unserem Engagement für eine inklusive Medienlandschaft. Und es zeigt: Technische Innovationen wie KI können dabei helfen, Hürden abzubauen und Medien für alle zugänglicher zu machen. Unsere Ergebnisse veröffentlichen wir zweiwöchentlich auf unserem Barrierefrei-Blog, schaut gerne mal vorbei!
Technische Neuerungen und filmische Experimente: Im Jahr 2024 haben wir uns nicht nur inhaltlich, sondern auch technisch weiterentwickelt. Besonders stolz sind wir auf eigens angefertigte Animationen, die wir erstmalig in den Film “Willkommen in NUETOPIA” integriert haben, um komplexe Themen auf kreative und visuell ansprechende Weise darzustellen. An dieser Stelle wollen wir uns bei unserem Praktikanten Jonas Thurn bedanken, der uns in diesem und anderen Bereichen unheimlich unterstützt hat. Ein spannender Schritt in die Zukunft der Medienwerkstatt. Zudem haben wir unsere technische Ausstattung aufgerüstet, um noch flexibler und professioneller arbeiten zu können: Ein weiterer Schnittplatz in unserem Büro sorgt für eine schnellere und effizientere Bearbeitung unserer Projekte. Außerdem durfte ein zusätzlicher Gimbal bei uns einziehen. Diese Neuerungen ermöglichen es uns, unsere Filmproduktionen technisch zu optimieren und noch vielseitigere Produktionen zu schaffen.
Finanzen: Während wir auf ein Jahr voller Highlights zurückblicken, bleibt uns auch die Realität nicht verborgen: Die finanzielle Situation vieler unkommerzieller Medienhäuser ist prekär. Doch wir wissen, dass unsere Arbeit essentiell ist – für eine vielfältige Presselandschaft und eine starke Demokratie. Unsere Filme sind kostenlos abrufbar, aber nicht umsonst.
Dank verschiedener Förderungen und der Unterstützung von unterschiedlichen Partner*innen konnten wir einige unserer Projekte realisieren, dennoch bleibt die finanzielle Absicherung eine zentrale Fragestellung, mit der wir uns auch in den kommenden Jahren weiterhin intensiv auseinandersetzen müssen. Die Verantwortung, qualitativ hochwertige und dennoch zugängliche Inhalte zu schaffen, verlangt nach einem stabilen finanziellen Fundament, das es uns erlaubt, unsere Arbeit langfristig fortzusetzen. Wir werden 2025 verstärkt nach weiteren Fördermöglichkeiten suchen, um die Finanzierung unserer Arbeit auf eine breitere Basis zu stellen, ohne unsere Unabhängigkeit zu gefährden. Die Sensibilisierung für dieses Thema ist uns sehr wichtig.
Das Jahr 2024 auf Sendung: Wir starteten das Jahr mit einem besonderen Einblick in traditionelle Handwerkskunst: „Unter Hochdruck – Die Original Hersbrucker Bücherwerkstätte“ widmet sich der einzigartigen Kunst des Buchdrucks.
Die Folgen von Krieg und Flucht standen auch dieses Jahr im Fokus: Mit „Fuß fassen fern der Heimat – Ein deutsch-ukrainisches Filmprojekt“ und „Entwurzelt – Exil und Ankunft im Journalismus“ haben wir geflüchteten Menschen eine Stimme gegeben und ihre Geschichten erzählt.
Schule und Bildung waren zentrale Themen. „Stressed out – Druck in der Schule“ beleuchtet den zunehmenden Leistungsdruck und die Herausforderungen im Schulalltag, während „Viel mehr als Nachhilfe“ das beeindruckende Engagement des Global Elternvereins gegen Bildungsungleichheit in den Fokus rückt.
Auch gesellschaftliche und politische Themen fanden Raum: „Nachgefragt: Was bleibt von der Radrennbahn am Reichelsdorfer Keller?“ hinterfragt die Hintergründe des umstrittenen Teilabrisses, und mit „Das Leiden anerkennen: Betroffene zum Nahostkrieg“ schufen wir im März erneut eine Plattform für die Perspektiven von Betroffenen. „Der Verlust der Gewissheit – Der Beginn der Pandemie im März 2020“ war ein ästhetisch-künstlerischer Rückblick auf die frühen Tage der Pandemie.
Kultur spielte eine zentrale Rolle: Die Jubiläen bedeutender Kulturinstitutionen wurden mit den Filmen „Immer noch lebendig – 70 Jahre Jazz Studio Nürnberg“, „Kommt, spielt und tanzt! – 50 Jahre Nürnberger Schembart-Gesellschaft“ und „Lebendig wie immer – 50 Jahre Pocket Opera Company“ gefeiert. Sie zeigen, wie resilient und lebendig die lokale Kulturszene ist. Straßenkünstler*innen wurden mit „Kunst der Straße“ gewürdigt, einem Porträt über Nürnbergs kreativer Freigeister.
Die Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und dem NSU stand ebenfalls im Fokus: „Chronologie eines Abrisses – Die ehemalige Heil- und Pflegeanstalt Erlangen“ thematisiert den Teilabriss eines historischen Gebäudes, in dem in der NS-Zeit Menschen ermordet wurden, und reflektiert die Bedeutung dieser Entscheidung und wieso sie getroffen wurde. „Mehmet O. – Das unbekannte NSU-Opfer“ beleuchtet die psychologischen Folgen rechten Terrors und rassistischer Ermittlungsarbeit und lässt den Überlebenden des Rohrbombenanschlags selbst zu Wort kommen.
Mit „Willkommen in Nuetopia – Visionen für Nürnberg“ haben wir inspirierende Ideen für eine lebenswerte Zukunft vorgestellt. Unsere Naturdokumentation „Täubling und Totentrompete – Das geheimnisvolle Reich der Pilze“ entführte in die faszinierende Welt der Mykologie, während „Leben bis zum Ende – Menschen im Hospiz“ einen einfühlsamen Blick auf Leben und Sterben warf. Ein weiteres Highlight war „Hier sind die normalen Leute – Der Kunstraum Idyllerei“, ein Film über ein inklusives Kunstprojekt, das Vielfalt und Kreativität der Beteiligten sichtbar macht.
Das Jahr schloss mit bewegenden Porträts und tiefgehenden Auseinandersetzungen: „Aus einem langen Leben – 100-Jährige erzählen: Selma Schubert“ ließ uns an persönlichen Lebensgeschichten teilhaben, während „Is this Folk-Punk?“eine facettenreiche Subkultur in der Region beleuchtete. Mit „Gesichter des Diskurses – Die geplante Unterkunft für Asylsuchende im Zirndorfer Stadtkern“ verabschieden wir uns für dieses Jahr und thematisieren gesellschaftliche Polarisierung und deren Ursachen.
Dank an:
Zuallererst wollen wir uns herzlich bei unseren Doku-Protagonist*innen und Interviewpartner*innen für ihr Vertrauen und ihren Mut bedanken, sich vor der Kamera zu öffnen und mit uns über gesellschaftlich relevante oder tabuisierte Themen zu sprechen.
Unser besonderer Dank gilt außerdem unseren Praktikant*innen Jonas Thurn, Josef Dorn und Timon Wegner. Mit ihrem Engagement, ihren kreativen Ideen und ihrer Tatkraft haben sie uns in diesem Jahr unglaublich bereichert.
Zusätzlich möchten wir allen Auftraggeber*innen, deren Filmprojekte wir in diesem Jahr (wieder) realisieren durften, danken! Durch diese Produktionen gewinnen wir jedes Mal Einblicke in spannende Themen, die wir sonst vielleicht nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Nicht zuletzt sichern gerade diese Filme unser Fortbestehen als Filmschaffende.
Zuletzt danken wir allen Unterstützer*innen und Partner*innen für die gute Zusammenarbeit sowie unseren Zuschauer*innen für das Interesse und die Wertschätzung unserer Arbeit. Und jetzt wünschen wir Euch eine schöne Weihnachtszeit und alles Gute für das Jahr 2025!
Bis bald,
Eure Medienwerkstatt Franken