Keine Hierarchien, keine Chefs, jeder darf alles. Geht das? Dieser Frage geht die Medienwerkstatt in ihrer neuesten Produktion nach.


 

„Gemeinsam ohne Chef“ lautet der Titel des Films, den wir am Sonntag, 22. März, zeigen. In der Doku werden Nürnberger Kollektiv-Betriebe vorgestellt. Autorin Judith Dauwalter und Winfried Schuhmann, der für den Schnitt zuständig ist, erzählen uns im Interview, was man sich von Kollektiven abschauen kann – auch für das eigene Filmprojekt.

 

Judith, Du hast dich für deinen neuesten Film dem Thema „Kollektive“ gewidmet. Warum?

Judith: Ich finde es spannend, dass es neben den herkömmlichen Formen von Zusammenarbeit, also Unternehmen mit Chefs und Angestellten, auch andere Ideen gibt. Dieses Bestreben, dass es eben keinen Chef gibt und keine Hierarchien gibt. Ich wollte wissen, wie und vor allem ob das funktioniert.

In den 80ern gab es viele Kollektive in Nürnberg. Vier der fünf Vereinigungen, die ihr im Film vorstellt, sind erst entstanden, also recht jung. Erlebt das Kollektiv ein Revival?

Judith: Das hab ich auch meine Interviewpartner gefragt. Einer hat da was Interessantes gesagt: Er hat das Gefühl, in seinem Kollektiv gibt es viele Leute, die den Sinn in ihrer Arbeit suchen. Viele sind genervt, die sogenannte Work-Life-Balance passt nicht. Man rennt immer nur in die Arbeit. 60 Stunden die Woche. Hat keine Freizeit mehr. Die Leute wollen Spaß an der Arbeit haben, die Arbeit selber gestalten. Ich kann das gut nachvollziehen. Der Grund ist vielleicht, dass viele bei den eigenen Eltern oder selbst in den ersten Berufsjahren das Gegenteil erlebt haben. Und sie feststellen, dass sie nicht so leben wollen.

Winny, was hat dich bei den Kollektiven, die ihr im Film vorstellt, beeindruckt?

Winny: Ich bin selber in einer Zeit aufgewachsen, wo uns dieser Gedanke schon einmal bewegt hat und ich glaube, dass das Materialistische, das, was in den vergangenen Jahrzehnten vor allem die sogenannte „Generation Golf“ verkörpert hat, wieder hinterfragt wird. Dass es zumindest Initiativen gibt, die das tun. Ich bin ein großer Fan des Balazzo Brozzi, ich geh da selber sehr gerne hin, weil sie das Prinzip bis heute durchziehen. Ich merke auch bei meiner Tochter, dass dieses „Entmaterialisierte“ an Bedeutung gewinnt. Ist natürlich auch Luxus, das muss man auch sagen, weil wir alle im Wohlstand leben und man das dann natürlich cool hinterfragen kann.

Kann das Prinzip Kollektiv auf Dauer funktionieren?

Winny: Diese Frage greifen wir auch in unserem Film auf. Ich glaube, dass es in kleinen Einheiten sehr gut funktioniert, aber umso größer die Kollektive sind, umso schwieriger wird’s, das durchzuhalten. Ich wünsch es allen, weil ich den Gedanken toll finde.

Mit welchen Herausforderungen haben Kollektive zu kämpfen?

Judith: Träge Entscheidungen, lange Diskussionen. Je mehr Leute dazu kommen, desto öfter wiederholen sich die Diskussionen. Nehmen wir das Brozzi als Beispiel: sie arbeiten heute nicht mehr als klassisches Kollektiv – auch aus oben genannten Gründen –  aber haben sich viel von diesem Gedanken behalten. Vielleicht kann es so auf lange Sicht funktionieren. So eine Mischung: dass man jemanden hat, die offiziell die Chefin ist, aber am Ende dürfen doch alle alles.

Kann man sich da als normaler Betrieb etwas abschauen?

Judith: Ich glaube, dass Leute motivierter sind, wenn die Hierarchie flacher ist. Wenn ich das Gefühl habe, ich muss nicht nur das machen, was mein Chef sagt, sondern ich kann mich selber mit meinen Ideen und meiner Kreativität einbringen, leiste ich auch bessere Arbeit.

Winny: Die Leute müssen natürlich auch bereit sein, Dinge auszudiskutieren und das, was sie tun, aus Leidenschaft tun. Sonst geht’s nicht.

Wie lief euer Schnitt? Gerade bei diesem Thema habt ihr beide bestimmt viel diskutiert, oder?

Judith: Ich würde schon sagen, dass wir nicht das klassische Autoren-Cutter-Modell haben. Nach dem Motto: Ich als Autorin sage, so und so wird‘s gemacht und Winny schneidet nach meinen Befehlen. Wir arbeiten gemeinschaftlich und reden über alle Entscheidungen. Winny bringt auch inhaltlich viel ein. Und vielleicht bei diesem Thema noch ein bisschen mehr als bei anderen.

Winny: Wir sind das kleinste Kollektiv. Ein Zwei-Personen-Kollektiv.

 

Die Medienwerkstatt-Doku „Gemeinsam ohne Chef – Neue Nürnberger Kollektive“ läuft am Sonntag, 22. März  um 19, 21 und 23 Uhr im Franken Fernsehen. Wiederholung ist eine Woche später, am 29. März zu den gleichen Sendezeiten.