Seit einiger Zeit kommt wieder Bewegung in das Wohnstift am Tiergarten. Die Corona-Impfungen sind fast abgeschlossen. In dem Heim haben sich etwa 80 Prozent der Bewohner*innen und Mitarbeiter*innen impfen lassen. Gerade mit Blick auf die Ostertage ist das für viele eine Erleichterung, denn seit Anfang März sind Besuche mit Antigen-Schnelltests wieder eingeschränkt möglich. Aber von Normalität und Alltag ist man noch weit entfernt. Wie denken die „Risikogruppen“ über die Situation und das Geschehen des letzten Jahres? Wie haben sie die Zeit erlebt? Wir haben bei der Pflegeheim-Bewohnerin Edith Gelsen nachgefragt. Einen Ausschnitt der Fragen gibt es im Videointerview zu sehen, zusätzlich dazu hat unsere Redakteurin Valeska Rehm ein Hintergrundgespräch zur Sendung am Sonntag mit der Seniorin geführt.


Edith Gelsen wurde 1940 als fünfte von neun Kindern in Nürnberg geboren. Sie stammt nach eigenen Worten aus einer “fränkischen Metzgersdynastie.” Seit fünf Jahren lebt sie im Wohnstift am Tiergarten. Im Interview erzählt sie uns, wie sie die bisherige Coronazeit im Pflegeheim erlebt hat und was ihr Kraft gibt. 


Frau Gelsen, im Wohnstift am Tiergarten gab es bisher 142 Corona-Fälle. Wie erinnern Sie sich an die Zeit der ersten Infektionen in der Einrichtung?

Unten an der Rezeption wurde eine Tafel angebracht, auf der steht, wie viele aktuelle Fälle es gibt. Es war am Anfang happig, die steigenden Zahlen zu verfolgen, aber man musste sich mit der Zeit einfach daran gewöhnen. Man hat sich nicht mehr umarmt, keine Hände mehr geschüttelt. Der Speisesaal war zu. Da war der Unterschied schon stark bemerkbar. Normalerweise sitzen dort hunderte Menschen beim Essen zusammen. Zu dieser Zeit wurde das Essen auf die Zimmer gebracht und man hat es alleine in seinem Appartement zu sich genommen. 

Ist denn jemand aus Ihrem direkten Umfeld an Corona erkrankt?

Ich selbst bin verschont geblieben, aber in meinem direkten Umfeld gab es einige Infektionen. Meine Nachbarin zum Beispiel, außerdem ein Ehepaar im übernächsten Appartement in meinem Gang. Und eine weitere Dame von gegenüber. Das war schon schwer, damit umzugehen, wie nah die Krankheit auf einmal an einen herangerückt ist. 

Was gibt Ihnen Kraft? 

Sich verrückt zu machen, das ist nichts für mich. Ich lass mir das Leben von Corona garantiert nicht verbittern. “Nimm dein Schicksal an und mach das Beste daraus.” – Im Lauf des Lebens war das mein Leitspruch. Das heißt nicht, dass ich alles einfach so hinnehme, ganz im Gegenteil – ich lasse die Menschen schon wissen, wenn mir etwas nicht passt. Aber grundsätzlich gilt für mich: Was wir nicht bestimmen können, das was uns das Leben beschert, das muss man akzeptieren. 

Sie haben bereits ihre zweite Impfung erhalten. Was ist innerhalb des Hauses nach den Impfungen wieder möglich?

Es besteht weiterhin absolute Maskenpflicht im Haus und auch draußen im Park. Trotz der Impfungen wahren wir weiterhin den Abstand zueinander. Das gilt auch für mich und meine ältere Schwester, die ebenfalls im Wohnstift lebt. Für mich ist das in Ordnung, obwohl der Körperkontakt unglaublich fehlt. Man sehnt sich danach. 

Was fehlt Ihnen noch?

Ich vermisse meinen alten Garten. Würde ich noch in meinem Haus leben, könnte ich mich während der Pandemie dem Gärtnern widmen. Und die Spontanität! Ein Teil meiner Familie wohnt in Nürnberg, das war schon eine schöne Geschichte, wenn sie vor Corona einfach so zum Kaffeetrinken vorbeigekommen sind. 

Gab es für Sie auch schöne Seiten?

Im Wohnstift lebe ich im achten Stock – ich habe einen Traumausblick und kann bis in den nächsten Ort nach Fürth schauen. Ich bin wirklich zutiefst dankbar, dass ich da bin wo ich bin, und dass es mir so geht, wie es mir geht.  

Was nehmen Sie persönlich aus der Zeit mit?

So schlimm es ist, dass mein Mann und meine Söhne nicht mehr leben und bei mir sein können –  ich bin froh, dass ich die Möglichkeit habe, dass mir andere Menschen helfen und nach mir schauen. Ich bin ein Typ, der keine Last für andere sein möchte. Ich wünsche mir von den Menschen wieder ein bisschen mehr Demut – zu erkennen, wie gut es einigen doch eigentlich geht. Das ist mein Wunsch. Man sollte bei sich selbst anfangen.  

Woher haben Sie Ihre optimistische Einstellung zum Leben?

Ich hab das vorgelebt bekommen. Meine Mutter war eine unglaublich starke Persönlichkeit, ohne andere dadurch einzuengen, oder zu viele Vorschriften zu machen. Sie hatte diese Menschlichkeit, die heute immer weniger wird. Ich stamme aus einer riesengroßen Familie. Ich habe acht Geschwister. Wir waren solidarisch untereinander – es war ganz klar, dass der Größere dem Kleineren hilft. 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Umgang mit der Pandemie?

Dass man mehr Rücksicht auf die Kinder nimmt und mehr auf deren Bedürfnisse eingeht. Denn: Wie soll ein Kind überhaupt begreifen, was eine Pandemie ist? Meine Schwester hat mir erzählt, dass ihr Enkelkind zu ihr gesagt hat “Omi, ich hab überhaupt keine Freunde mehr”. Das tut mir wahnsinnig weh für die Kinder. Was man als Kind lernt, das verinnerlicht man, das sind kleine Bausteine, die immer bei einem bleiben werden. 

Frau Gelsen, wie werden Sie Ostern verbringen?

Ich bin am Ostermontag bei meiner Schwester zum Kaffeetrinken eingeladen. Wir setzen uns zusammen, mit Abstand, und machen es uns schön… 

 

Interview: Valeska Rehm

Am Sonntag strahlen wir den Film “Das Ungewisse immer wirklicher” von Robert H. Schumann und Günther Wittmann aus. Für die Dokumentation haben sich unsere Autoren Eindrücke des letzten Jahres aus dem Wohnstift am Tiergarten erzählen lassen – dabei wurden Geschichten von Materialmangel und Verordnungsfluten, vom Arbeiten bis über die Belastungsgrenzen hinaus, von Solidarität und auch vom Sterben gesammelt…