Es ist soweit: Die Vorbereitungen für den umstrittenen Ausbau des Frankenschnellwegs laufen an – ein Projekt, das die Stadt seit Jahren beschäftigt und spaltet. Anfang April hat der Stadtrat grünes Licht für die Ausschreibung und Umsetzung des Bauabschnitts West durch SÖR gegeben, und Bürgermeister Christian Vogel kündigt bereits die ersten Arbeiten an. Versprochen werden Lärmschutz, eine Verbesserung der Luftqualität und flüssigerer Verkehr. Kritiker*innen sehen darin jedoch ein Relikt vergangener Verkehrspolitik – eine teure Betonlösung für Probleme, die heute längst nach anderen Antworten verlangen.
„Stadtautobahnen symbolisieren den alten, vergangenen Geist“, sagt zum Beispiel der Soziologe Andreas Knie und Entwicklungen in anderen Städten zeigen wie es stattdessen gehen könnte: Paris hat eine innerstädtische Autobahn am Seineufer stillgelegt. In der koreanischen Hauptstadt Seoul wurde bereits 2011 eine komplette innerstädtische Stadtautobahn in eine Grünfläche verwandelt. Und gar nicht so weit weg von hier, in Stuttgart, wird die Fläche für den Autoverkehr auf der städtische Autobahn B14 derzeit auf die Hälfte geschrumpft.
Dass es für den stadtnahen Autobahnausbau auch bei uns Alternativen gäbe, davon erzählt auch unser Film „Willkommen in Nuetopia – Visionen für Nürnberg“, den wir am Sonntag erneut zeigen. Mit feinem Gespür für Zwischentöne porträtiert der Film Menschen, die nicht auf stadtplanerische Großprojekte von oben warten – sondern selbst gestalten. So wie Katharina Winter und Tina Wendrich vom Verein Stadtkanal Nürnberg-Fürth, die sich statt des Frankenschnellweg-Ausbaus für die Wiederbelebung des historischen Ludwig-Donau-Main-Kanals einsetzen: als grünes Band durch die Stadt, als öffentlicher Raum zum Verweilen, Erinnern und Begegnen. Ihr Engagement steht exemplarisch für eine Stadtplanung von unten – und setzt dem autogerechten Ausbau eine Vision von Offenheit, Gemeinschaft und ökologischer Zukunft entgegen. Der Film ist ein Plädoyer für Fantasie – und für den Mut, Stadt nicht nur zu verwalten, sondern neu zu erfinden. Welche Stadt wollen wir sein – und für wen?
Über fast zehn Jahrhunderte hat sich Nürnberg immer wieder wandelnden Bedürfnissen angepasst – diese Stadt, die sich nach extremen Hochphasen immer wieder neu erfinden musste: Ein reiche Handelskultur, Erfindergeist und Industriepioniere haben sie geprägt und tiefe Spuren hinterlassen, genauso wie Pogrome, Größenwahn, Kriege und Pleiten. Wird eine Anpassung auch in den nächsten Jahrzehnten gelingen?
Ja, sagen engagierte Bürger*innen wie Nicola Wunder von Nürnberg autofrei, Katharina Winter und Tina Wendrich vom Verein Stadtkanal Nürnberg-Fürth, Niklas Götz von Pflanzoasen und die Künstler*innen Simona Koch, Jürgen Schubert und Ulrich Schmitt. Sie wollen die Stadtentwicklung nicht mehr länger der Politik und wirtschaftlichen Zwängen überlassen. Stattdessen greifen sie zu kreativen Mitteln und nehmen die Zukunft Nürnbergs selbst in die Hand. Mit ihren Visionen und Aktionen machen sie Lust auf ein anderes Nürnberg: mit weniger Autos, mehr Natur auf Straßen und Plätzen, mit Inspirationsflächen im öffentlichen Raum, die zum Verweilen und zum Austausch einladen.
Kann dies gelingen? Schon einmal haben sich Bürger*innen mit „Tausend Ideen für den Wieder- und Neubau“ ein neues Nürnberg erträumt. Nach dem Krieg 1947, umgesetzt wurde zunächst wenig bis nichts. Helfen Visualisierungen diesmal, alte Vorstellungen zu hinterfragen? Unsere Zukunft selbst in die Hand zu nehmen? Mit ihrer Dokumentation lässt Filmautorin Annette Link diese Frage bewusst offen und lässt Bilder und Menschen für sich sprechen.
Der Film entstand mit Unterstützung der Sparkasse Nürnberg. Herzlichen Dank!
Wir wiederholen den Film „Willkommen in Nuetopia – Visionen für Nürnberg“ von Annette Link läuft am Sonntag, 15. Juni, um 21 Uhr auf Franken Plus (Satellit) sowie um 19, 21 und 23 Uhr auf Franken Fernsehen (Kabel).
- Nicola Wunder von Nürnberg autofrei
- Katharina Winter und Tina Wendrich vom Stadtkanal-Verein beim Paddeln rund um die Villa Leon
- Grafiker Jürgen Schubert, der mit seinen Visionen geraderücken will, was in der Stadt in den Nachkriegsjahren schief gelaufen ist
- Simona Koch, Künstlerin, die mit ihren Fotomontagen, der Natur in der Stadt einen Raum gibt
- Niklas Götz (Landschaftsgärtner) und Ulrich Schmitt (KI-Künstler) im Gespräch beim Norisradeln auf dem Frankenschnellweg
- Der Frankenschnellweg mal anders: Norisbiking am 6. Juli 2024
- Kinder freuen sich über den für Autos gesperrten Schulweg vor der Wandererschule
- Der Neutorzwinger als Meriangarten. ©Jürgen Schubert
- Stadt der Zukunft ©BAZN, Ulrich Schmitt
- Nägeleinswehr mit Wasseruhr©Jürgen Schubert
- Der Lorenzer Platz als Möglichkeitsraum für ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur. ©Simona Koch