Am Sonntag zeigen wir unseren neuen Dokumentarfilm „Willkommen in Nuetopia – Visionen für Nürnberg“. Der Film stellt Menschen und Projekte vor, die mit inspirierenden Bildern, Veränderungsprozesse in Nürnberg lostreten wollen. Auch Volker Linhard ist seit vier Jahren mit seiner Kamera in Nürnberg unterwegs und postet Fotos auf seinem Instagram-Kanal „Reißt die Steine raus“. Im Interview erklärt er, was ihn dabei antreibt und was sein Engagement mit den zuletzt extremen Überschwemmungen zu tun hat.


Interview begleitend zu unserer neuesten Dokumentation.


Herr Linhard, Sie haben mir verraten, dass Sie noch nicht einmal ein Smartphone besitzen. Sie nutzen eine klassische Digitalkamera und trotzdem betreiben Sie den Instagram-Kanal. Warum?

Volker Linhard: Ich wohne seit sechs Jahren in Nürnberg, bin von Beruf Religionspädagoge und bin auch im Rahmen meiner beruflichen Tätigkeit viel mit dem Fahrrad in Nürnberg unterwegs und da sind mir über die Jahre sehr viele Dinge aufgefallen. Mein Sohn hilft mir die Fotos, mit denen ich diese Dinge dokumentiere, auf Instagram zu bringen.

Was ist Ihnen denn aufgefallen?

Volker Linhard: Es werden Flächen neu versiegelt. Also ich könnte jetzt viele Beispiele aufzählen, der sogenannte Quelle Park ist zum großen Teil versiegelt, der Nelson-Mandela-Platz ist zu 81 Prozent wieder versiegelt worden. Der Obstmarkt, an dem seit über zehn Jahren herumgeplant wird, wird auch wieder zu 97 Prozent mit Granitpflastersteinen versiegelt, also fast 500.000 Pflastersteine.

Was ist das Problem dabei?

Volker Linhard: Versiegelte Flächen können kein Wasser aufnehmen. Grünflächen stattdessen kühlen die Stadt, sie nehmen das Wasser auf und geben es wieder ab, es ist für das Klima gut aber auch gleichzeitig ein Hochwasserschutz und es ist einfach auch eine ästhetische Sache. Mehr Grün in der Stadt ist einfach auch schöner. Das sieht man ja auch immer bei Bürgerbeteiligungen zur Gestaltung von Parks und Plätzen. An oberster Stelle ist immer der Wunsch: Wir möchten mehr Grün, aber es ist für die Zukunft auch unerlässlich. Auf lange Sicht ist wichtig, dass man durch Grünflächen mehr Wasser ins Grundwasser versickern lässt.

Seit vier Jahren versuchen Sie das Bewusstsein im Stadtrat dafür zu wecken. Wie sind denn die Reaktionen?

Volker Linhard: Ja, ich hab eine kleine Bilderstrecke entwickelt und hab das an die Mitglieder des Stadtrats geschickt und es kamen auch in der Anfangszeit die eine oder andere Rückmeldung. Aber mittlerweile bekomme ich kaum mehr Reaktionen, wahrscheinlich nerve ich die Leute zu sehr. Aber ich höre einfach nicht auf und möchte auf das Thema hinweisen, möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, denn es gibt wirklich sehr viele einfache Möglichkeiten, wie Nürnberg zu einer Schwammstadt werden kann.

Welche Möglichkeiten gibt es denn in Ihren Augen?

Volker Linhard: Wenn es um Starkregenereignisse geht, wäre eine einfache Möglichkeit, die Baumscheiben zu vergrößern bzw. die Metall- und Pflastersteinumrandung zu entfernen. Wenn man diese Baumscheiben von zwei Quadratmetern schon mal auf 15 bis 20 Quadratmeter vergrößern würde, dann würde hier schon mal viel Wasser reinfließen, was dann dem Grundwasser zugutekommt und nicht den Kanal belastet. Das ganze Wasser, das ganze Oberflächenwasser muss dann eben nicht mehr in den Kanal, dann würden die Keller nicht mehr volllaufen, das Wasser würde in den Keller nicht mehr nach oben gedrückt.

Man könnte die Bordsteine nicht nebeneinander, sondern mit einem Abstand einsetzen, so dass das Oberflächenwasser von der Straße in das Grün zwischen den Straßen hineinfließen kann. Wir haben jetzt zum Beispiel die Bayernstraße auf zwei Kilometern neu gebaut. Es wurde der Kanal neu gemacht und auf der ganzen Fläche läuft das ganze Oberflächenwasser jetzt immer noch von der Straße wieder in den Kanal und das wär eine gute Gelegenheit gewesen. Wir legen die Straße etwas höher und das ganze Wasser kann dann im Grunde ablaufen in das Grün zwischen der Fahrspuren. Oder es wäre ja schon viel getan, wenn man sagt, wir nehmen für Busschleifen oder Parkplätze, die jetzt geplant werden, Rasengittersteine, also die zur Hälfte offen sind, wo das Wasser abfließen kann…

Geht sowas auch in der Altstadt?

Volker Linhard: Durch die Struktur der historischen mittelalterlichen Altstadt gibt es weniger Grünanlagen als in vergleichbaren anderen Städten. Da ist Nürnberg natürlich im Nachteil, aber deswegen müssen wir das noch viel stärker forcieren. Klar, braucht es auch große Flächen, für Veranstaltungen, für Märkte, für den Trempelmarkt, für das Bardentreffen, der Hauptmarkt, der Lorenzer Platz, den Kornmarkt. Aber man hat genügend Plätze in der Innenstadt, wo man den Granitstein-Belag entfernen kann und Grünflächen anlegen kann: zum Beispiel der Willy Prölß Platz hinter dem Bahnhof, der Karl-Pschigode-Platz beim Theater, der Andreij-Sacharow-Platz; bei dem House of Students, der Rosa-Luxemburg-Platz oder auch der Klarissenplatz oder der Willy-Brandt-Platz.

Warum tut sich denn Nürnberg in Ihren Augen hier so schwer?

Volker Linhard: Ein Zitat von unserem Herrn Ulrich, dem Planungs- und Baureferent der Stadt Nürnberg, dem Stadtbaumeister, in Bezug auf die Umgestaltung des Obstmarktes in der Altstadt ist bezeichnend: „Ein Blumenbeet ist unstrittig schön, aber nicht nutzbar. Nicht für Fußgänger, für Radler, für Gastronomie, auch nicht für andere Zwecke.“ Also wenn ein Stadtbaumeister sagt, eine Grünfläche, eine Blumenwiese ist nicht nutzbar, dann sagt das schon viel über die Prioritäten aus, also man möchte für Fußgänger pflastern, man möchte für Radfahrer Teeren, für Autos pflastern, aber Grünflächen spielen keine Rolle und gerade in der Altstadt wäre das so wichtig.

Die Kosten werden sicherlich auch eine Rolle spielen… Die Stadt hat kein Geld…

Volker Linhard: Sicherlich, aber auf der anderen Seite gibt es viele Baumaßnahmen in Nürnberg. Es wird zum Beispiel in Langwasser ein Park der, in Anführungszeichen in die Jahre gekommen ist, ertüchtigt. Auch der Stadtpark, hier werden Millionen ausgegeben für Maßnahmen, die aus meiner Sicht nicht so große Priorität haben. Natürlich bekommt man auch vom Bund Zuschüsse dadurch werden diese Maßnahmen wieder günstiger, aber es werden aus meiner Sicht die falschen Prioritäten gesetzt. Es wird am nördlichen Marientorzwinger für Millionen eine riesige Umbaumaßnahme gemacht, die letztlich aber kaum Entsiegelung bringt. Klar, gepflasterte Flächen sind leichter zu pflegen und die Folgekosten von Grünanlagen sind höher, aber ich denke, das müssen wir uns leisten in Zukunft. Wenn man Nürnberg auch attraktiv für Touristen und für Menschen, die hier einkaufen sollen, machen will, dann muss man auch Plätze schaffen, die eine Aufenthaltsqualität haben. Aber eine riesige Pflasterfläche hat keine Aufenthaltsqualität, vor allem nicht bei 30 Grad im Hochsommer.

Was wäre Ihre konkrete Vision, ihre Forderung?

Volker Linhard Mein Traum wäre, dass im Stadtplanungsamt, im Stadtrat, bei Sör, im Umweltamt und allen Behörden, alle die Entsiegelung wirklich als oberste Priorität sehen. Verkehr ist wichtig, wirtschaftliche Interessen sind wichtig, aber der Klimaschutz muss jetzt einfach an erster Stelle stehen und die Entsiegelung muss messbar sein. Es muss bei jeder Baumaßnahmen gelten: 50 Prozent wird entsiegelt oder 400 Quadratmeter werden entsiegelt. Das muss das Kriterium sein, das braucht Nürnberg aus ökologischen, aus klimatischen, aus Hochwasserschutz und auch aus ästhetischen Gründen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Interview: Annette Link