Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Sabine Manning zur Rolle der KI in der barrierefreien Sprache

 

Kann Künstliche Intelligenz die Sprache für alle barrierefreier gestalten? Nachdem wir im Selbsttest verschiedene Tools ausprobiert haben, sprechen wir nun mit einer Expertin, die ihre eigene KI trainiert hat: Dr. Sabine Manning, Sprachwissenschaftlerin und Entwicklerin des KI-Bots „Klar & Verständlich“. Im Interview erklärt sie uns, wie KI dazu beitragen kann, Sprache zugänglicher zu machen. Und: Sie teilt ihre Erfahrungen bei der Entwicklung des Tools und gibt spannende Einblicke in die Chancen, aber auch die Herausforderungen, die mit der Technologie verbunden sind…


Liebe Frau Manning, können Sie uns ein wenig über sich erzählen? Wie sind Sie zur barrierefreien Sprache und KI-gestützten Kommunikation gekommen?

Sabine Manning: Ich habe europäische Projekte in der beruflichen Bildung koordiniert und mit großen Partnerschaften zusammengearbeitet. Da habe ich erfahren, wie schwer es für viele Beteiligte ist, sich untereinander zu verständigen. Wir hatten Englisch als Projektsprache und mussten uns alle bemühen, ein einfaches und verständliches Englisch zu sprechen. Zu der Zeit gab es noch keine KI-Tools, aber wir nutzten digitale Mittel. Das war mein Einstieg in barrierefreie und IT-gestützte Kommunikation.

Gab es ein bestimmtes Erlebnis oder einen Schlüsselmoment, der Ihr Interesse an KI im Speziellen geweckt hat?

Sabine Manning: Im Dezember 2022 las ich einen spannenden Artikel in der ZEIT, mit dem Titel: “Das kann sie auch!”. Gemeint war die Künstliche Intelligenz. Da stand drin, dass die KI Texte in leichter Sprache schreiben kann. Dieser Satz hat meine Neugier geweckt, und im Januar 2023 startete ich dann meine Tests zu KI auf der Webseite multisprech.org.

Sie haben mit multisprech.org eine Plattform für verständliche Sprache geschaffen. Welche Ziele verfolgen Sie damit und was hat Sie dazu motiviert?

Sabine Manning: Mein erster Beitrag auf multisprech.org erschien 2015, als viele Geflüchtete zu uns nach Deutschland kamen. Der Titel war “Refugees im sprachlichen Neuland”. Hier habe ich meine Erfahrungen aus den europäischen Partnerschaften aufgegriffen. Mir ging es darum, erste gute Beispiele für verständliche Sprache zu verbreiten. Daraus entwickelte sich die Plattform multisprech.org. Außerdem habe ich zusammen mit einem Team das Infoportal Einfache Sprache aufgebaut. Auch hier diskutieren wir den Einsatz von KI für barrierefreie Kommunikation.

Ihr KI-gestützter Bot Klar und Verständlich (K&V) optimiert Texte für barrierefreie Sprache. Wie funktioniert das Tool genau, und wie haben Sie es trainiert?

Sabine Manning: Der KI-Bot Klar & Verständlich basiert auf ChatGPT. Er ist ein Custom GPT, also ein individuell angepasster GPT (Generative Pretrained Transformer, Erklärung siehe Kasten). Er hat auch einen eigenen Kurzlink: klar-bot.org. Der Klar-Bot überträgt komplizierte Texte in Einfache Sprache. Das funktioniert mit einem internen Prompt, der detaillierte Anweisungen enthält. Dieser Prompt berücksichtigt einerseits, was ChatGPT bereits sprachlich leisten kann. Andererseits sind viele Tests in einem großen Nutzerkreis nötig, um den Prompt zu vervollkommnen. Das Training beruht also auf Versuch und Irrtum.


› Exkurs

-> Der Begriff GPT steht für Generative Pretrained Transformer und bezeichnet ein Sprachmodell, das von Künstlicher Intelligenz (KI) genutzt wird, um Texte zu verstehen und zu erzeugen. Der Grundgedanke hinter GPT ist, dass das Modell auf riesige Mengen an Textdaten trainiert wird, um Muster, Zusammenhänge und Bedeutungen in der Sprache zu erkennen. Ein Custom GPT ist eine speziell angepasste Version dieses Modells. Anstatt das allgemeine GPT-Modell zu nutzen, wird es für einen bestimmten Zweck oder ein bestimmtes Thema weitertrainiert, um besonders gut auf bestimmte Anforderungen oder Anforderungen der Nutzer*innen einzugehen.


Konnten Sie den KI-Bot auch an der Zielgruppe testen? 

Sabine Manning: Der Klar-Bot ist für verschiedene Zielgruppen geeignet. In meinem Umfeld nutzen ihn vor allem Sprachprofis, die schwierige Texte in Einfache Sprache übertragen. Sie konnten mir wichtige Hinweise zur Verfeinerung des Prompts geben. Vorwiegend experimentieren sie jedoch mit der KI, um Ideen für Übersetzungen zu erhalten. Gegenwärtig teste ich den Klar-Bot mit Organisationen, die leicht verständliche Mitteilungen verbreiten und Menschen mit unterschiedlicher Bildung erreichen wollen. Gespannt bin ich auch auf Feedback von Interessierten, die diesen Blog lesen und den Klar-Bot ausprobieren. Kommentare bitte an test@klar-bot.org senden!  

Frau Dr. Manning, welche Trainingsdaten oder Methoden haben Sie verwendet, um den Bot auf einfache und inklusive Sprache zu spezialisieren?

Sabine Manning: Der Klar-Bot ist auf Einfache Sprache ausgerichtet. Für die Einfache Sprache gibt es seit dem vorigen Jahr Normen: weltweit und für deutschsprachige Länder. Diese Normen beziehen sich nicht nur auf die Sprache. Sie streben einen informativen Text für die jeweilige Zielgruppe an. Die Informationen in diesem Text sollen relevant, leicht überschaubar und verständlich sein. Das ist ein großer Anspruch für Sprachprofis und erst recht für die KI. 

Der Klar-Bot benötigt präzise Anweisungen, um seine Aufgabe effektiv zu erfüllen. Dabei sorgt er dafür, dass der Inhalt korrekt übersetzt und wichtige Informationen besonders hervorgehoben werden. Außerdem achtet er darauf, kurze und gebräuchliche Wörter sowie einfache, kurze Sätze zu verwenden und eine aktive Sprache zu bevorzugen. Schwierige Begriffe erklärt der Bot auf verständliche Weise. Zudem strukturiert er den Text, indem er Absätze, Überschriften und Zwischentitel einfügt und bei Bedarf auch Listen zur Darstellung von Details nutzt.

Gab es Herausforderungen oder unerwartete Schwierigkeiten bei der Entwicklung und dem Training der KI?

Sabine Manning: Beim KIar-Bot musste ich herausfinden, was die KI von ChatGPT schon kann und was sie nicht kann. Zum Beispiel erzeugt die KI bereits gut lesbare Texte, doch Details der deutschen Grammatik setzt sie nicht um. ChatGPT neigt zudem dazu, Texte zu verkürzen und Aussagen zu vereinfachen. Das ist zwar nützlich für Zusammenfassungen, aber hinderlich für exakte Übersetzungen. Außerdem fügt ChatGPT häufig eigene Schlussbemerkungen hinzu. 

Insgesamt wirken die Texte des Klar-Bot zumeist gekonnt, sie verdecken dabei jedoch manche Ungenauigkeiten oder auch Fehler. Ganz wichtig: Man muss also jeden erzeugten Text überprüfen. 

Welche Herausforderungen gibt es noch bei der Nutzung von KI zur Vereinfachung von Sprache? Wo stoßen aktuelle Modelle an ihre Grenzen?

Sabine Manning: Auf multisprech.org haben wir laufend neue KI-Tools von Unternehmen getestet und die Ergebnisse vergleichend analysiert. Die Leistungen hängen vom jeweiligen Modell ab. Es gibt quelloffene Sprachmodelle, die systematisch trainiert werden. Aus ihnen entstehen leistungsfähige Sprachtools wie SUMM.AI. Sie können weitgehend zuverlässig übersetzen und zusammenfassen. Ihre Texte sind gut verständlich, aber bisher minimal formatiert und somit wenig lesefreundlich. In dieser Hinsicht werden sich die Modelle noch verbessern. 

Daneben gibt es etablierte Modelle wie Copilot, Gemini und ChatGPT, die mit Prompts funktionieren. Sie sind für Übersetzungen weniger zuverlässig, dafür aber besser in der Textgestaltung. Diese Modelle kann man durch spezielle Anwendungen wie Custom GPTs oder durch Training optimieren.

Wir testen in der Medienwerkstatt Franken verschiedene KI-Tools für barrierefreie Sprache. Welche Empfehlungen haben Sie für Medienunternehmen, die ihre Inhalte inklusiver gestalten möchten?

Sabine Manning: Barrierefreie Sprache ist ein großes Anliegen und ein weites Feld. Entscheidend sind die Zielgruppen. Für Menschen mit kognitiven Einschränkungen ist die Leichte Sprache entwickelt worden. KI-Tools für Leichte Sprache können Texte sehr leicht verständlich übersetzen. Aber nach wie vor ist menschliche Erfahrung und Hilfe nötig, um die KI-Texte für diese Zielgruppe zu nutzen. 

Für Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten ist die Einfache Sprache geeignet. KI-Tools für Einfache Sprache können besonders gut Kurzfassungen zu schwierigen Texten erstellen, aber auch Haupttexte in allgemein verständlicher Form anbieten. Allerdings ist es sinnvoll, dass Medien auch für dieses breite Publikum mit Sprachprofis zusammenarbeiten.

Welche Entwicklungen im Bereich KI und barrierefreie Kommunikation erwarten Sie in den nächsten Jahren?

Sabine Manning: Die Angebote für KI und barrierefreie Kommunikation entwickeln sich rasant. Schon jetzt können große Modelle wie DeepL, Google und Language Tool Texte vereinfachen. Besonders die Funktion “Umschreiben”, also klar und verständlich schreiben, ist im Kommen. Zukünftig werden viele dieser Modelle mehrere Stufen der Verständlichkeit anbieten. Kleinere KI-Tools und Sprachprogramme werden zunehmend spezielle Aufgaben lösen. KI-Tools wie capito.ai, TextLab, SUMM AI und Wortliga entwickeln bereits Projekte mit zahlreichen Unternehmen.

Es mangelt also nicht an kompetenten Partnern für KI-gestützte Kommunikation in den Medien…

Das Gespräch führte Valeska Rehm


Wer ist Dr. Sabine Manning?
Dr. Sabine Manning ist Bildungs- und Sprachwissenschaftlerin und Expertin für verständliche Sprache. Seit 2015 betreibt sie die Plattform multisprech.org und entwickelt KI-gestützte Tools zur sprachlichen Vereinfachung. Außerdem gibt sie zusammen mit einem Team das Infoportal Einfache Sprache heraus. Ihr Ziel ist es, barrierefreie Kommunikation voranzutreiben und den Zugang zu Informationen für alle Menschen zu erleichtern.