Seit März widmen wir uns frei zugänglichen KI-Tools und testen ihre Fähigkeiten in Bezug auf barrierefreie Sprache. Unser erster Test galt ChatGPT, gefolgt vom Google-Pendant Gemini. Heute stellen wir ein besonders spannendes Projekt vor: Der FC St. Pauli setzt seit Mai 2023 ein selbst entwickeltes KI-Übersetzungstool ein. Diese Lösung basiert auf einer eigens trainierten Künstlichen Intelligenz und einer maßgeschneiderten Schnittstelle zu ChatGPT auf einer extra Website. Ziel des Fußballvereins ist es, durch das Tool zeitkritische Inhalte schnell und barrierefrei zugänglich zu machen.

In unserem aktuellen Blogbeitrag werfen wir einen Blick hinter die Kulissen: Wie schlägt sich dieses Tool im Vergleich zu ähnlichen Projekten? Wie trainiert man eine eigene KI?


Neues aus der Welt der barrierefreien Sprache

Es sind zwar keine frischgebackenen News mehr, aber für alle, die es vielleicht noch nicht mitbekommen haben: Seit Mitte Juni 2024 bietet die Tagesschau ihr Programm in Einfacher Sprache an. In einer täglichen Sendung wird der wichtigste Nachrichtenüberblick des Tages in einer verständlicheren Form zusammengefasst, die insbesondere für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder kognitiven Beeinträchtigungen gedacht ist. Die Sendung läuft auf tagesschau24 und ist auch auf der Website, in der ARD Mediathek sowie der Audiothek verfügbar.

Besonders spannend ist, dass dieses Angebot nicht nur als Fernsehformat existiert, sondern auch in schriftlicher Form auf ARD Text – und das jede Woche. Wer also eine einfache und barrierefreie Möglichkeit sucht, sich über das Geschehen auf der Welt zu informieren, bekommt hier eine super Option. Doch natürlich haben diese großen Nachrichtenhäuser ganz andere finanzielle Möglichkeiten als wir. Deshalb testen wir weiter unsere frei zugänglichen KI-Tools, um herauszufinden, wie uns diese bei mehr Barrierefreiheit unterstützen können. 

 


Klartext St. Pauli

Diese Woche werfen wir den Blick auf einen bekannten Fußballverein: Der FC St. Pauli (FCSP) hat im Rahmen seines Projekts “Klartext St. Pauli” ein KI-Tool zur Übersetzung von Texten in Einfache Sprache entwickelt. Dabei nutzt das Tool die ChatGPT-Schnittstelle (Version GPT-4), die mit spezifischen Regeln für Leichte Sprache und Textbeispielen der Homepage des Vereins trainiert wurde. Das Ergebnis sind KI-generierte Übersetzungen, die in der Kategorie „Einfache Sprache“ auf der Website des Vereins erscheinen.

Ein wichtiger Punkt dabei: Die Texte werden stichprobenartig geprüft und nicht in ihrer Gesamtheit, weshalb sie als Einfache Sprache und nicht als Leichte Sprache gekennzeichnet sind. Zur Erinnerung: Die Einfache Sprache wird oft als ein Zwischenschritt zwischen gewöhnlichem Text und Leichter Sprache verstanden, da sie komplexere Strukturen noch nicht komplett vermeidet, aber deutlich einfacher zu verstehen ist. Das Tool hat sich laut den Entwickler*innen intern bereits gut bewährt und wurde nun auch für andere Interessierte zugänglich gemacht.

Der Test beginnt

Für unsere letzten Tests hatten wir einen kurzen, aber etwas komplexeren Pressetext über das Jazz Studio Nürnberg herangezogen, der verschachtelt und künstlerisch geschrieben ist: 

“Bereits 1954, als die Wohnhäuser darüber noch in Trümmern lagen, haben junge jazzbegeisterte Menschen in einem historischen Kellergewölbe unter dem Paniersplatz einen Ort geschaffen, der nach der musikalischen Gleichschaltung durch das Naziregime ein Tor zur neuen freiheitlichen Musikwelt aufstieß. Damit begann eine heute70-jährige Erfolgsgeschichte. Schon vor 10 Jahren, zum 60. Jubiläum, ist die MEDIENWERKSTATT damals in den Jazz-Club hinabgestiegen und hat einen Film über Geschichte und Bedeutung dieser Institution realisiert. Jetzt aus Anlass des 70. Geburtstages sind wir noch einmal unseren Spuren von damals gefolgt und haben nachgefragt, wie es heute um das Jazz Studio Nürnberg steht.”

Die besten Ergebnisse erzielten wir bei ChatGPT mit folgender Aufforderung: 

Schreibe diesen Text in einfacher Sprache. Verwende dabei nur kurze Wörter, keine Nebensätze, aktive Sprache und keine Fachausdrücke. Schreibe so, dass es ein 8-jähriges Kind versteht. (hier gehts zum Blogpost).

Ein erster, auffälliger Unterschied wird schnell deutlich: Die Benutzeroberfläche des KI-Übersetzungstools des Fußballclubs ermöglicht es nicht, mit Prompts zu arbeiten. Im Gegensatz den anderen bisher getesteten KI-Tools wie ChatGPT, bei denen Nutzer*innen mit gezielten Eingaben den Text nach ihren Wünschen anpassen können, gibt es hier eine simplere Struktur. Auf der linken Seite der browserbasierten Anwendung können Texte in Alltags- oder „normaler“ Sprache eingegeben werden, während auf der rechten Seite dann der übersetzte Text in Einfacher Sprache erscheint. Ein klarer Vorteil dieser Herangehensweise ist die Benutzerfreundlichkeit und Schnelligkeit, mit der Texte übersetzt werden können.

Allerdings bringt diese Struktur auch Einschränkungen mit sich. Besonders hervorzuheben ist, dass keine präzisen Eingaben möglich sind, um die Übersetzung zu steuern oder zu verfeinern. Das Tool des FC ist im Vergleich zu flexibleren Anwendungen wie ChatGPT hier im Nachteil. Nutzer*innen können nicht individuell festlegen, wie sie den Text umformuliert haben möchten, an welche Zielgruppe sie sich richten oder welche spezifischen Stilrichtungen bevorzugt werden. Die Möglichkeit, die Übersetzungen an spezifische Bedürfnisse oder Kontexte anzupassen, ist also stark eingeschränkt.

Nun gut, starten wir den Test. Da es nicht möglich ist, einen Prompt einzugeben, kopieren wir den Ursprungstext in die linke Schaltfläche.  

“Im Jahr 1954 war alles noch kaputt.

Aber junge Menschen, die Jazz-Musik lieben, haben einen besonderen Ort gemacht.

Sie haben einen Ort im Keller unter dem Paniersplatz gemacht.

Die Häuser über diesem Ort waren noch kaputt.

Aber die Menschen haben Musik gemacht.

Diese Musik war anders als die Musik, die die Nazis gemacht haben.

Die Nazis wollten nur eine Art von Musik.

Aber diese jungen Menschen wollten alle Arten von Musik machen.

Sie wollten die Musik frei machen.

Das war der Anfang von einer langen Geschichte.

Diese Geschichte ist jetzt 70 Jahre alt.

 

Vor 10 Jahren war ein besonderer Tag.

Der Ort hatte Geburtstag.

Es war der 60. Geburtstag.

Die MEDIENWERKSTATT hat einen Film gemacht.

Der Film erzählt die Geschichte von diesem Ort.

Er erzählt, was dieser Ort bedeutet.

 

Jetzt hat der Ort wieder Geburtstag.

Es ist der 70. Geburtstag.

Wir sind wieder zu diesem Ort gegangen.

Wir haben geschaut, wie es diesem Ort jetzt geht.

Der Ort heißt Jazz Studio Nürnberg.”

 


Erste Eindrücke

Ein bemerkenswerter Aspekt dieses Tools ist, dass sich seine äußere Form konsequent an den Regeln der leichten Sprache orientiert. Im Vergleich dazu scheitern sowohl Gemini als auch ChatGPT in diesem Bereich. Das St.-Pauli-Tool fügt nach jedem Satz automatisch einen Absatz ein, was der DIN-Normierung entspricht. Zudem sind die Sätze bewusst kurz gehalten, wobei jeweils nur eine Information pro Satz vermittelt wird. In Bezug auf den Satzbau setzt sich das St.-Pauli-Tool also klar von seinen Konkurrenten ab, die auch mit angepassten Prompts nicht zu einem so klar strukturierten Ergebnis gelangen.

Hier kommt ein kurzer Überblick. Wir haben für jedes Tool das beste Ergebnis herausgepickt und diese miteinander verglichen.


Prüfung anhand der vier Grundsätze der DIN-Normierung

Wir prüfen die St. Pauli-Version des Textes anhand der vier Grundsätze der DIN-Normierung:

 

  • Die Leserschaft erhält, was sie braucht. (Relevanz)

Gut gelungen! Der Text gibt einen klaren und prägnanten Überblick über die Entstehung des Jazz-Kellers nach dem Krieg, die Rolle von Jazz als Form des Widerstands gegen die Nazis und das Jubiläum des Ortes, das als Anlass für die Filmproduktion diente. Der Fokus bleibt stets auf dem Jazz Studio Nürnberg und seiner Geschichte, sodass Leser*innen einen guten Einblick in seine Bedeutung bekommen. Was beim übersetzten Text allerdings fehlt – und auch bei den Ergebnissen der anderen Tools – ist der Hinweis zu Beginn, dass ein neuer Film produziert wurde. Diese Information wäre natürlich besonders relevant, jedoch kommt sie, unpräzise formuliert, erst am Schluss.

  • Die Leserschaft kann leicht finden, was sie braucht. (Auffindbarkeit)

Sehr gut gelungen. Der Text ist klar strukturiert. Durch die kurze Satzlänge und die Absätze nach jedem Satz können die Informationen leicht erfasst werden. Die chronologische Reihenfolge – von der Entstehung über die Jubiläen bis zur Gegenwart – macht die Inhalte leicht auffindbar. 

  • Die Leserschaft kann leicht verstehen, was sie findet. (Verständlichkeit)

Befriedigend. Der Text verwendet einfache Sprache und vermeidet Fachbegriffe sowie komplizierte Satzkonstruktionen. Durch kurze Sätze und klare Formulierungen wird der Text auch für Menschen ohne Vorwissen oder Leseschwierigkeiten verständlich. Allerdings fehlen wichtige Erklärungen und Hintergrundinformationen zum historischen Kontext. Begriffe wie “Nazi” werden nicht näher erläutert. Außerdem wird nicht auf den Krieg eingegangen oder darauf, warum 1954 “alles kaputt” war. Diese Lücken schränken die Verständlichkeit für Leser*innen ohne Vorkenntnisse deutlich ein. 

Die Leserschaft kann die Informationen einfach verwenden. (Anwendbarkeit)

Unklar. Das müsste von einer Prüfgruppe getestet werden. 


Fazit

Das Tool hat uns bisher am meisten überzeugt. Besonders in Bezug auf die Informationswiedergabe, den klaren Satzbau und die schnelle Umsetzung der Texte liegt die eigens trainierte KI im Vergleich zu den getesteten aktuell vorne. 

Trotz der vielen positiven Aspekte gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Der Text könnte noch mehr historischen Kontext und Erklärungen enthalten, um die Verständlichkeit zu erhöhen. Zum Beispiel fehlt der Hinweis auf den neuen Film, der zu Beginn eine wichtige Rolle spielen sollte. Auch die Möglichkeit, Texte nach eigenen Wünschen anzupassen, wie es bei ChatGPT möglich ist, fehlt hier, was das Tool in bestimmten Fällen weniger flexibel macht. Unsere Vermutung hat sich mittlerweile bestätigt: Aktuell kann keine der getesteten KIs selbstständig analysieren, welche Infos der Ausgangstexte noch mehr Kontext benötigen, um für die Zielgruppe verständlicher zu werden. An dieser Stelle ist dann der Mensch gefragt.

Insgesamt bietet das St.-Pauli-Tool aber eine solide Basis für barrierefreie Kommunikation und hat großes Potenzial, besonders wenn es um zeitkritische Inhalte geht. Vermutlich wäre es eine gute Idee, die Erstumwandlung zunächst mit dem Klartext-Tool durchzuführen und anschließend eine passgenaue Überarbeitung mit ChatGPT vorzunehmen. Diese Kombination könnte eine interessante Lösung sein, um die Vorteile beider Tools zu nutzen. Allerdings würde dieser Ansatz natürlich mehr Schritte und damit auch mehr Zeit in Anspruch nehmen.


Exkurs – Wie trainiert man eine KI selbst?

Um ein KI-Modell mit ChatGPT zu trainieren, sind einige wichtige Schritte nötig, die technisches Know-how und gute Planung erfordern. Zuerst kommt die sogenannte Schnittstelle (API) ins Spiel – ein Verbindungspunkt, über den das KI-Modell mit ChatGPT kommunizieren kann. Einfach gesagt: Die API ist der „Übergangskanal“ zwischen zwei Systemen, der den Austausch von Daten ermöglicht.

Der erste Schritt beim Training ist die Entscheidung, welche Art von Daten das Modell verarbeiten soll. Zum Beispiel könnten Texte in einfacher Sprache als Grundlage dienen. Diese Daten werden in einem strukturierten Format (wie JSON oder CSV) bereitgestellt und bilden die Basis für das Training.

Der nächste Schritt ist das sogenannte Fein-Tuning. Dabei wird das Modell mit konkreten Beispielen angereichert, um genau die Art von Antworten oder Texten zu erzeugen, die später gewünscht sind. Besonders wichtig ist es, die Daten sorgfältig zu prüfen, um Verzerrungen oder Fehlinformationen zu vermeiden. Sobald das Modell richtig trainiert ist, können spezifische Prompts festgelegt werden, die sicherstellen, dass das System stets zuverlässig die gewünschte Ausgabe liefert.

Wer sich für weitere speziell für barrierefreie Sprache trainierte KI interessiert kann sich gerne folgende Optionen anschauen: