„Jeder Schritt in Richtung Barrierefreiheit lohnt sich für Redaktionen“
Interview mit der Expertin für Leichte Sprache Elena Husel und der Prüferin Lena Weinberger vom Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Würzburg e.V.
Leichte Sprache macht Informationen für viele Menschen zugänglich – von Menschen mit Behinderung über Deutschlernende bis hin zu funktionalen Analphabet*innen. Doch wie funktioniert eine professionelle Übersetzung in Leichte Sprache? Welche Rolle spielen Prüfer*innen aus der Zielgruppe? Welche Chancen und Risiken bringt Künstliche Intelligenz für die Zukunft der barrierefreien Kommunikation? Und wie ist die Situation im Journalismus? Dazu sprechen Elena Husel, Übersetzerin für Leichte Sprache vom Büro für Leichte Sprache Würzburg der Lebenshilfe Würzburg e.V., und Büro-Prüferin Lena Weinberger, die seit 2020 als Expertin aus der Zielgruppe Feedback zur Verständlichkeit von Texten gibt.
„Viele Menschen sind von wichtigen Informationen ausgeschlossen“
Wann und warum wurde das Büro für Leichte Sprache gegründet?
Elena Husel: Unser Büro gibt es seit 2016. Es wurde gegründet, weil es einen großen Mangel an verständlicher Kommunikation gab – und diesen gibt es leider immer noch. Seit 2021 machen wir mit dem Projekt „klipp&klar – Leichte Sprache stärken“ in den Sozialen Medien, im Newsletter und in Fortbildungen gezielt darauf aufmerksam: Viele Menschen, darunter auch Menschen mit Behinderung, haben keinen Zugang zu wichtigen Informationen. Sie können nicht in dem Maße teilhaben, mitreden oder sich über aktuelle Themen informieren, wie es nötig wäre. Mit unseren Übersetzungen leisten wir einen Beitrag dazu, Barrieren abzubauen und mehr Verständlichkeit zu schaffen.
Welche Aufgaben übernimmt Ihr Büro?
Elena Husel: Wir bieten verschiedene Dienstleistungen an: Einzelpersonen und ganze Teams können sich bei uns fortbilden lassen. Wir übersetzen standardsprachliche oder fachsprachliche Texte in Leichte oder Einfache Sprache und lektorieren bereits vorhandene Texte. Ein zentraler Bestandteil ist die Zusammenarbeit mit unserer Prüfgruppe – eine Gruppe von Menschen mit Behinderung. Ihre Rückmeldungen zeigen uns, wie verständlich die Texte wirklich sind, wo zusätzliche Erklärungen nötig sind oder welches Vorwissen bereits vorhanden ist. Erst nach diesem “Usability test” geben wir die Texte zur finalen fachlichen Abnahme an unsere Auftraggebenden zurück.
„Wir suchen immer das leichteste Wort“
Wie läuft die Zusammenarbeit genau ab?
Elena Husel: Die Prüfgruppe besteht aus acht wechselnden Personen, die in ihrer regulären Arbeitszeit an einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung unsere Texte lesen und Feedback geben. Zusätzlich haben wir mit Lena Weinberger eine Büro-Prüferin, die regelmäßig zu uns kommt.
Lena, wie läuft die Prüfung von Texten ab?
Lena Weinberger: Ich lese die Texte durch und überlege: Würden andere Menschen mit Lernbehinderung das verstehen? Wenn ein Wort zu schwer ist, suchen wir ein leichteres. Wir kürzen lange Sätze. Manchmal hilft es, den Satz umzustellen Wörter umzudrehen oder Absätze anders zu sortieren. Wenn ich etwas nicht verstehe, geht es anderen wahrscheinlich genauso. Bei Flyern und Plakaten schauen wir uns an, ob die Schriftart gut lesbar ist, ob die Farben genug Kontrast haben und ob die Bilder wirklich helfen, den Inhalt zu verstehen. Auf Webseiten achten wir darauf, ob Informationen leicht zu finden sind. Oft ist Leichte Sprache versteckt oder die Navigation unübersichtlich. Das muss besser werden.
„Leichte Sprache ist nicht nur für Menschen mit Behinderung“
Leichte Sprache richtet sich nicht nur an Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen, sondern auch an viele andere Zielgruppen, oder?
Elena Husel: Ja, das ist ein wichtiger Punkt. Leichte Sprache kommt aus der Behindertenrechtsbewegung – nach dem Motto „Nicht ohne uns über uns“. Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung haben einen Rechtsanspruch auf bestimmte behördliche Texte. Tatsächlich benötigen aber auch viele andere Gruppen temporär oder dauerhaft Leichte Sprache, beispielsweise Menschen mit Deutsch als Zweitsprache, funktionale Analphabet*innen, oder Menschen mit Demenz. Von dem Angebot profitieren dann auch weitere Personen, die sich schnell einen Überblick verschaffen wollen.
„Es gibt zwei große Missverständnisse über KI-Tools für Leichte Sprache“
Welche Erfahrungen haben Sie mit KI-gestützten Übersetzungen in Leichte Sprache gemacht? Wo liegen die Chancen und Grenzen einer KI-Übersetzung?
Elena Husel: Wir lektorieren und prüfen mit der Zielgruppe KI-generierte Textentwürfe in Leichter Sprache. Meines Erachtens gibt es dabei zwei große Missverständnisse. Das eine Missverständnis ist, dass Leichte Sprache auf Knopfdruck generiert werden könnte. Dem ist nicht so. Um eine entsprechende Qualität und Nutzbarkeit für die Zielgruppe sicherzustellen, müssen die Texte dringend nachbearbeitet werden. Dabei muss überprüft werden: Sind die Texte richtig, vollständig und reproduzieren keine ableistische oder rassistische Sprache? Außerdem sollten Texte nicht deutlich länger sein als der Ausgangstext, da sie sich oft an ein leseschwaches Publikum richten.
Das zweite Missverständnis ist, dass Leichte Sprache eine 1:1 Übersetzung wäre, wie es bei der Übersetzung in andere Fremdsprachen der Fall ist. Das stimmt nicht. Der Aufbau und die Gliederung von Texten in Leichter Sprache kann vollkommen anders aussehen als im Ausgangstext. Leichte Sprache ist immer eine sprachliche und konzeptionelle Umgestaltung. Man muss die wichtigsten Informationen herausfiltern, den Text strukturieren und so aufbereiten, dass er gut verständlich ist. Eine KI liefert möglicherweise Vorschläge für einfachere Wörter oder Sätze, aber bisher keine funktionalen Texte. KI-Tools können Hilfsmittel in Übersetzungsbüros werden, aber sie ersetzen nicht die menschliche Expertise.
„Ich habe Sorge, dass Menschen mit Behinderung in Zukunft nicht mehr einbezogen werden“
Wo liegen die größten Schwächen von KI-Übersetzungen aus Sicht von Menschen mit Behinderung?
Lena Weinberger: KI erkennt nicht, was uns wirklich verwirrt. Sie macht zwar einfache Sätze, aber manchmal passt die Erklärung gar nicht dazu. Oder es gibt viel zu viele Details, die den Text unübersichtlich machen. Ich habe Sorge, dass Menschen mit Behinderung in Zukunft nicht mehr einbezogen werden. Wir haben die Einschränkung. Wir wissen, wo die Unverständlichkeit ist und wir kennen verschiedene Behinderungsformen. Wir können einschätzen: Menschen mit der Beeinträchtigung verstehen dies und mit einer anderen Beeinträchtigung das. Und meine Aufgabe als Prüferin ist, dass die verschiedenen Grüppchen am Ende den Text verstehen.
„Redaktionen haben keinen Grund, zu zögern. Jeder Schritt in Richtung Barrierefreiheit lohnt sich“
Warum ist es wichtig, dass mehr Medien Informationen in Leichter Sprache vermitteln?
Elena Husel: Medien haben die Aufgabe, Menschen zu informieren. Wer keine verständlichen Informationen bekommt, kann sich schlechter in der Gesellschaft orientieren. Das betrifft viele Bereiche: Gesundheit, Politik, aber auch den Alltag. Gerade bei Wahlen ist es wichtig, dass Menschen gut informiert sind, um eigene Entscheidungen treffen zu können.
Wie ist die Situation im Lokaljournalismus?
Elena Husel: Da ist Leichte Sprache bislang noch eine Seltenheit. Aber ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein für Barrierefreiheit in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 gibt es immer mehr gesetzliche Vorgaben, die auch die Privatwirtschaft einbeziehen. Ich glaube, dass diese Entwicklungen dazu beitragen werden, dass sich auch mehr Journalist*innen mit dem Thema Leichte Sprache auseinandersetzen.
Was raten Sie Redaktionen, die barrierefreier werden möchten?
Elena Husel: Ich würde empfehlen, dass Sie sich zuerst mit den Regeln der Leichten Sprache auseinanderzusetzen. Tun Sie sich mit einem Profi für Leichte Sprache zusammen, um ein Gefühl für gute Übersetzungen zu bekommen – am besten, bevor Sie eine KI einsetzen. Sinnvoll ist es auch, Feedback von der Zielgruppe einzuholen und sich mit Selbstvertretungsverbänden zu vernetzen. Redaktionen haben keinen Grund, zu zögern. Jeder Schritt in Richtung Barrierefreiheit lohnt sich. Es ist ein gemeinsamer Lernprozess…
› Wer ist Elena Husel?
Elena Husel hat den Masterstudiengang “Barrierefreie Kommunikation” an der Universität Hildesheim studiert. Während ihres Studiums setzte sie sich intensiv mit der Übersetzung in Leichte Sprache, Verständlichkeit, Barrierefreiheit und Deutscher Gebärdensprache auseinander. Seit 2021 arbeitet sie für das von Aktion Mensch geförderte Projekt „klipp&klar Leichte Sprache stärken“ im Büro für Leichte Sprache der Lebenshilfe Würzburg e.V. Dort trägt sie mit ihrer Expertise dazu bei, Texte zugänglicher zu machen und Barrieren in der Kommunikation abzubauen.
Das Büro für Leichte Sprache Würzburg bietet auch Schulungen an, um Unternehmen und Redaktionen für das Thema zu sensibilisieren. Mehr unter: www.leichte-sprache-wuerzburg.de Außerdem gibt es auf der Website des Büros eine Checkliste für Leichte Sprache, die einen ersten Überblick gibt und als Hilfestellung für das Post-Editing von KI-generierten Übersetzungen genutzt werden kann.
Das Gespräch führte Valeska Rehm