Interview mit Gehörlosen
Als Medienwerkstatt setzen wir uns dafür ein, unsere Inhalte möglichst barrierefrei zu gestalten. Doch was bedeutet Barrierefreiheit für gehörlose Menschen wirklich? Reichen Untertitel aus, oder sind Gebärdenavatare eine sinnvolle Alternative? Um das herauszufinden, haben wir ein Interview mit Betroffenen geführt und sie nach ihren Erfahrungen und Wünschen gefragt. Die Interviewten für diesen Beitrag sind ältere Menschen, die von Geburt an gehörlos sind.
Allgemeine Fragen zur Barrierefreiheit
Schauen Sie gerne Fernsehen und was ist Ihnen dabei wichtig?
Wir schauen vor allem Nachrichten sowie Unterhaltung durch Filme und Shows.
Welche Herausforderungen gibt es für Sie beim Zugang zu Informationen in Film, Fernsehen und Streaming?
Nicht alle Inhalte sind untertitelt.
Wenn Nachrichten von Gebärdensprachdolmetschern übersetzt werden, sprechen sie oft zu schnell in Deutscher Gebärdensprache (DGS).
Wie bewerten Sie die aktuellen Bemühungen, Sendungen barrierefreier zu gestalten?
Es gibt immer mehr Untertitel, aber sie reichen nicht aus. Gehörlose sind immer noch benachteiligt. »Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen«, sagte einst Helen Keller.
Seit neuestem untertiteln wir alle unsere Filme. Verstehen Sie darunter Barrierefreiheit, oder muss noch mehr getan werden?
Das ist für uns ausreichend.
Fragen zu Gebärdenavataren und Untertitel
Es gibt seit kurzem Gebärdenavatare, die Gesprochenes simultan in Gebärden übersetzen. Haben Sie schon einmal einen Film mit Gebärdenavatar gesehen? Wie war Ihr Eindruck?
Haben wir noch nie gesehen und empfinden wir als befremdlich und schlecht verständlich. Wir sind in den 50er Jahren aufgewachsen und haben eine Gebärdensprache gelernt, bei der das Lippenlesen wichtiger Bestandteil ist. Heutzutage wird in der DGS oft darauf verzichtet. Die schnellen Gebärden und das fehlende Mundbild sind für uns schwer verständlich. Zudem gibt es Dialekte in der Gebärdensprache.
Was gefällt Ihnen an der Idee von Gebärdenavataren? Was eher nicht?
Gut ist, dass man unabhängig ist. Die Umsetzung könnte für uns aber überzeugender sein.
Finden Sie, dass Gebärdenavatare menschliche Gebärdensprachdolmetscher ersetzen könnten? Oder gibt es Filme/Szenen, in denen sie unpassend sind?
Die Mimik und Gestik eines Menschen kann momentan noch nicht ausreichend nachgeahmt werden. Das ausdrucksstarke Gesicht eines Menschen und die damit verbundenen Emotionen sind schwer nachzubilden, aber essentiell für die Verständlichkeit.
Was ist besser: Gebärdenavatare oder Untertitel?
Untertitel!
Was kann ein Gebärdenavatar, was ein Untertitel nicht kann?
Versuchen, Emotionen durch Mimik zu übermitteln.
Technische und visuelle Aspekte
Wie wichtig ist Ihnen die natürliche Darstellung eines Avatars (z. B. Gesichtsausdruck, Bewegungen)?
SEHR WICHTIG!
Wie wichtig ist Ihnen, dass ein Gebärdenavatar verschiedene Dialekte beherrscht?
Schon wichtig.
Welche Aspekte eines Gebärdenavatars müssen besonders gut sein, damit Sie ihn gerne nutzen würden?
Mimik ist wichtig und dass wenig buchstabiert wird, da unser Alphabet aus den 50ern ein anderes war.
Würde Sie ein dauerhaft eingeblendeter Avatar stören?
Bei Filmen schon.
Beispiel und Feedback
Wie finden Sie den gezeigten Gebärdenavatar?
Noch nicht überzeugend. Der Ausschnitt war zu kurz, um ihn genauer zu beurteilen.
Haben Sie Ideen, wie man Gebärdenavatare weiterentwickeln könnte?
Nein.
Filmproduktion und Unterhaltung
Was würden Sie sich von der Medienwerkstatt in Hinblick auf Barrierefreiheit für Gehörlose wünschen?
Berücksichtigung der unterschiedlichen Zielgruppen und Altersgruppen.
Fazit: Untertitel oder Gebärdenavatare?
Unser Interview hat uns wertvolle Einblicke gegeben. Untertitel sind für viele Menschen mit Hörbehinderung eine bewährte und oft bevorzugte Lösung, besonders da die Gebärdenavatare als alternative noch nicht überzeugen können. Besonders problematisch ist, dass Avatare bislang keine natürliche Mimik und Dialekte darstellen können, was ihre Verständlichkeit einschränkt. Bei Filmen können sie sogar als störend empfunden werden. Untertitel werden insbesondere von älteren Gehörlosen also oft als ausreichend wargenommen. Ein weiterer Vorteil ist, dass auch Menschen die nicht gehörlos, aber schwerhörig sind, von Untertiteln unterstützt werden.
Eines ist sicher: Barrierefreiheit ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch der Zielgruppen und ihrer Bedürfnisse. Wir werden weiter daran arbeiten, unsere Inhalte für alle zugänglich zu machen.