Machen Avatare Gebärdensprachdolmetscher*innen schon bald Konkurrenz und was heißt das für unsere Filme? Im Rahmen unserer KI-Journey haben wir uns mit Marion Rexin, einer erfahrenen Gebärdensprachdolmetscherin, die schon öfter Filme für uns gedolmetscht hat, genau darüber unterhalten.  Im Videointerview in unserem Studio spricht sie über die Chancen und Grenzen von KI-generierten Gebärdenavataren und beleuchtet, wie diese technischen Entwicklungen ihre Arbeit beeinflussen könnten.


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Hier das Interview zum Nachlesen

Frau Rexin, können Sie sich kurz vorstellen?

Marion Rexin: Also ich bin Marion Rexin, bin Gebärdensprachdolmetscherin seit jetzt genau seit zwei Tagen, seit 32 Jahren, war die erste Gebärdensprachdolmetscherin hier in Nordbayern, Mittelfranken. 

Jetzt gibt es Gebärdendolmetscherung ja auch bei Filmen und im Fernsehen zum Beispiel. Warum ist das da so wichtig? Man könnte es doch auch eigentlich einfach untertiteln.

Marion Rexin: Die Gebärdensprache selber ist grammatikalisch ganz anders als die Lautsprache. Deshalb sind Untertitel immer noch für Gehörlose eine Fremdsprache. Die Lautsprache ist für die Gehörlosen eigentlich eine Zweitsprache, die Muttersprache ist die Gebärdensprache, und die ist eben vom Satzbau, von der Grammatik her ganz anders als die Lautsprache. Natürlich können Gehörlose die Untertitel lesen, aber für manche ist es trotzdem noch zu kompliziert, vor allem, wenn es oft sehr schnell geht. Deshalb ist für Gehörlose Gebärdensprache unabdingbar. Das ist heutzutage bei Filmen oder im Internet, wenn irgendetwas präsentiert wird, oder auch bei Veranstaltungen eigentlich ein Muss, dass Gebärdensprachdolmetscher vorhanden sind. Bei Fachtagungen werden manchmal Schriftdolmetscher eingesetzt, aber das bringt Gehörlosen nicht wirklich viel.

Wie geht die Entwicklung in der Barrierefreiheit für Gehörlose Menschen voran?

Marion Rexin: Zäh, sehr zäh. Ich bin wie gesagt seit 32 Jahren Gebärdensprachdolmetscherin, und Gehörlose kämpfen seit Jahren für Barrierefreiheit. Aber leider ist Gehörlosigkeit eine unsichtbare Behinderung, und Gehörlose werden oft vergessen. Bei Barrierefreiheit denkt man an Rollstuhlfahrer, blinde Menschen, bauliche Barrieren, aber nicht an die Gebärdensprache. Man sagt dann oft: „Ja, die Gehörlosen können doch lesen.“ Aber sie verstehen vieles falsch. Es gibt viele Missverständnisse, wenn Gehörlose etwas lesen müssen. Das fällt besonders bei Behörden oder im Gericht auf – Gehörlose verstehen nicht immer das Geschriebene. Es gibt natürlich Unterschiede, und das hat damit zu tun, dass ältere Gehörlose oft von den Lippen ablesen mussten. Die jüngere Generation ist jetzt fitter, aber es bleibt ein Problem.

Künstliche Intelligenz ist ja jetzt gerade so der Trend schlechthin. Es gibt auch KI-generierte Gebärden-Avatare. Haben Sie mit denen vielleicht schon Erfahrungen gemacht?

Marion Rexin: Ich habe schon einige gesehen, und ja, die kommen. Wir Gebärdensprachdolmetscher müssen uns darauf einstellen. In gewissen Bereichen kann man Avatare einsetzen, da find ichs auch ganz gut. Die Deutsche Bahn nutzt so etwas zum Beispiel schon, etwa bei Gleisänderungen, wo der Avatar gebärdet, dass der Zug von Gleis 5 jetzt auf Gleis 3 fährt. Auch im Flugzeug bei der Sicherheitsbelehrung habe ich einen Avatar gesehen, was gut gemacht war. Aber es gibt noch viele Dinge zu beachten: Das Mundbild des Avatars ist oft nicht gut, viele Gehörlose brauchen ein gutes Mundbild. Auch für taubsehbehinderte Menschen sind viele Avatare nicht passend gekleidet, weil sie dunkle Oberteile tragen sollten. Die Avatare sind oft noch zu bunt. Da muss also noch einiges geändert werden. Da muss vieles geändert werden und einiges bedacht werden. Man kann nicht einfach einen Avatar einsetzen und denken, alles ist gut und die Gehörlosen sind jetzt erst einmal beruhigt. Dem ist nicht so. Da kommt noch einiges, was geändert werden muss.

Unsere Kollegen in der schriftsprachlichen bzw. Fremdsprachenverdolmetschung haben bereits einen Rückgang an Aufträgen bemerkt, insbesondere bei Gebrauchsanleitungen und ähnlichen Übersetzungen.  Bei uns ist das jedoch noch nicht der Fall. Im Gegenteil: Wir haben weiterhin sehr viele Aufträge. In der alltäglichen Community lässt sich ein Avatar nicht einsetzen. Wenn ich beispielsweise zum Gericht gehe, kann kein Avatar als Tablet hingestellt werden, auch nicht bei Behörden, Ärzten oder im Krankenhaus. Vielleicht kann man den Avatar für allgemeine Informationen wie einen Anamnesebogen nutzen, aber was passiert, wenn der Gehörlose antwortet? Der Avatar kann den Gehörlosen nicht verstehen – so weit sind wir noch nicht. Vielleicht wird das in 10 bis 15 Jahren möglich sein, denn die Entwicklung der KI geht relativ schnell voran.

Trotzdem muss noch viel verbessert werden, und ich mache mir persönlich noch keine Sorgen deswegen.

Ich würde Ihnen gerne ein kleines Video von einem Avatar zeigen, damit wir und auch unsere Leserinnen und Zuschauerinnen wissen, worüber wir sprechen.

Marion Rexin: Genau, sie hat zum Beispiel sehr schwache Mimik und ein schlechtes Mundbild. Sie gebärdet zwar, aber das Mundbild und die Mimik sind nicht gut. Die Mimik ist wie der Tonfall in der Lautsprache. Wenn ich zum Beispiel in einem Mitarbeitergespräch vom Chef höre: „Ihre Krankheitsrate ist aber sehr hoch“, dann müssen die Augenbrauen richtig hochgezogen werden. Das macht der Avatar jedoch nicht – die Aussage kommt ohne die nötige Mimik und Ausdruckskraft nicht richtig an. Hier muss noch viel getan werden, damit die Mimik und das Mundbild besser genutzt werden. Die gebärdensprachliche Ausführung ist aber nicht schlecht.

Wie wird das in der Gehörlosengemeinschaft wahrgenommen? Gibt es Akzeptanz für diese Entwicklung oder ist man eher skeptisch?

Marion Rexin: Momentan lachen die meisten noch darüber und finden es amüsant, wie die Avatare gebärden. Aber natürlich sind die Verbände aktiv und nehmen Kontakt zu den Firmen auf, die diese Avatare entwickeln. Das Motto lautet: „Nicht über uns, sondern mit uns.“ Das heißt, die Entwicklung sollte gemeinsam mit Gehörlosen stattfinden, damit auf Aspekte wie Mimik, Mundbild und Kleidung hingewiesen wird. Der Avatar, den ich gesehen habe, war bereits dunkelblau gekleidet, was für taubsehbehinderte Menschen ein Fortschritt ist.

Es ist wichtig, dass die Gehörlosen, die Gebärdensprachgemeinschaft, in die Entwicklung eingebunden werden, damit das Ergebnis nicht unzureichend bleibt. Oft entscheiden Hörende, die den Bedarf nicht selbst erleben, über Gehörlose. Die Betroffenenverbände, wie der Landesverband der Gehörlosen in Bayern oder der Gehörlosenverband München und Umland, sind hier sehr aktiv. Die beiden sollten auf jeden Fall eingebunden werden, sonst wird das ein Flop.

Wie wird diese Entwicklung in der Gemeinschaft der Gehörlosen wahrgenommen? Gibt es da Akzeptanz oder eher Skepsis?

Marion Rexin: Momentan wird das noch ein bisschen belächelt, wie die Avatare gebärden. Aber natürlich sind die Verbände aktiv und nehmen Kontakt mit den Firmen auf, die diese Avatare entwickeln. Das Motto lautet: „Nicht über uns, sondern mit uns.“ Das heißt, die Entwicklung sollte gemeinsam mit Gehörlosen stattfinden, um auf Aspekte wie Mimik, Mundbild und Kleidung hinzuweisen. Die Gebärdensprachgemeinschaft sollte involviert werden, damit die Lösung später nicht schlecht ist. Auch die betroffenen Verbände, wie der Landesverband der Gehörlosen in Bayern oder der Gehörlosenverband München, sind da aktiv.

Sehen Sie ethische Bedenken oder potenzielle Risiken in dieser Entwicklung?

Marion Rexin: Natürlich sehe ich das auch, denn wenn immer mehr Technik eingesetzt wird, geht das Soziale verloren. Gerade im medizinischen Bereich ist es wichtig, mit Gefühlen zu kommunizieren. Bei Sicherheitsunterweisungen oder wiederkehrenden Informationen kann man Avatare einsetzen, aber man muss aufpassen. Denn manchmal ist der Mensch gefragt, und das geht da verloren.

Glauben Sie also nicht, dass Avatare irgendwann menschliche Gebärdensprachdolmetscher*innen ersetzen könnten?

Marion Rexin: Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht 50/50, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass in Zukunft nur noch Avatare als Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt werden.

Möchten Sie noch etwas hinzufügen? Gibt es noch einen Aspekt des Themas, der Ihnen wichtig ist?

Marion Rexin: Ich denke, viele Behörden, Firmen und auch Medien denken, dass KI die Lösung ist, und dass sie dann das Geld für Gebärdensprachdolmetscher sparen können. Es heißt oft, dass Dolmetscher teuer und schwer zu bekommen sind. Aber man muss aufpassen, dass man nicht über die Gehörlosen hinweg entscheidet. Gerade bei Filmen oder im Internet, wenn Barrierefreiheit hergestellt werden soll, sollten auch Gehörlose Schauspieler einbezogen werden, nicht Hörende. Es wäre gut, wenn die Medien und Behörden einen Leitfaden erarbeiten würden, damit alle gleich arbeiten und auf professionelle Weise Barrierefreiheit schaffen. 

Vielen Dank für das informative Gespräch!

Das Gespräch führte Josef Dorn.


Fazit

KI-generierte Gebärdenavatare sind noch lange nicht ausgereift. Zwar können sie die Barrierefreiheit in standardisierten Situationen wie Zugansagen oder Sicherheitsanweisungen verbessern, doch wie Marion Rexin betont, sind sie kein Ersatz für menschliche Gebärdensprachdolmetscher*innen – vor allem dort, wo Empathie und direkte Kommunikation entscheidend sind. 

 


 

Für den Einsatz in unseren Filmen reicht die Qualität von KI-Avataren derzeit höchstwahrscheinlich nicht aus. Aber was sagt die Wissenschaft dazu und was die Community? Für uns ist an diesem Punkt die KI-Journey in puncto Gebärden-Avatare noch nicht zu Ende. Wir bleiben dran. Zunächst geht es aber um Neuigkeiten zu unseren Versuchen Untertitel, Audiodeskription und Einfache Sprache mithilfe von KI zu generieren. Bleibt dran!