Am 23.06.1999 wurde Mehmet O. das erste Opfer der rechtsextremen Terrorgruppe “NSU”.  Den Bombenanschlag auf seine Pilsbar “Sonnenschein” überlebte der damals 18-jährige schwer verletzt. Die seelischen Wunden sind aber bis heute nicht verheilt. In der Sendung am Sonntag erzählt er seine Geschichte. 

Vor 25 Jahren, am 23. Juni 1999, betritt der frischgebackene Kneipenbesitzer Mehmet O. seine Pilsbar „Sonnenschein“. Es ist der Morgen nach seiner Eröffnungsfeier. Beim Putzen entdeckt der junge Wirt auf der Herrentoilette eine Taschenlampe. 

Der gebürtige Nürnberger ist neugierig und nimmt das Objekt in die Hand. Als er den Schalter betätigt, wird er durch den Raum geschleudert, Splitter bohren sich in sein Gesicht und seinen Oberkörper, der 18-jährige wird schwer verletzt. Schnell ist klar: Die Taschenlampe ist eigentlich eine Rohrbombe, die ihn umbringen sollte. 

Die Nürnberger Polizeibeamten schließen einen rechtsextremen Hintergrund nach nur 17 Stunden Ermittlungsarbeit aus und durchleuchten das Umfeld des jungen Wirts auf Hinweise zu Schutzgelderpressung, Drogenkriminalität und verdächtigen ihn schließlich selbst des Versicherungsbetrugs. Statt eines versuchten Mordes sehen die Ermittler in der Tat lediglich eine „fahrlässige Körperverletzung“. Nach sieben Monaten wird das Verfahren eingestellt – und der 18-jährige allein gelassen mit der Frage, wer ihm nach dem Leben trachtete. Mehmet O. muss Insolvenz anmelden und gibt seine Kneipe auf. Nach schwierigen Jahren verlässt er 2004 seine Heimatstadt, um ein neues Leben zu beginnen. 

Immer wieder holt ihn seine Vergangenheit ein. Mehmet O. zieht sich zurück, leidet unter Depressionen und entwickelt aufgrund der ungeklärten Fragen Misstrauen gegenüber Menschen. Als er seine Partnerin kennenlernt, will er ihr von dem Anschlag nichts erzählen, aus Angst, auch von ihr verdächtigt zu werden, selbst hinter dem Attentat zu stecken. 

Die Hintergründe des Anschlags sind den Behörden erst seit 2013 klar: Damals sagte der später wegen Beihilfe verurteilte Carsten S. im NSU-Prozess aus. Er berichtete über frühere Andeutungen des NSU-Kerntrios über einen Anschlag in Nürnberg, dass sie „eine Taschenlampe“ in einem Geschäft abgestellt hätten. 

Mehmet O. wird 2013 ein weiteres Mal vernommen. Jonas Miller, Redakteur des Bayerischen Rundfunks und Teil des Recherchezusammenschlusses des Hauses mit den Nürnberger Nachrichten, sucht ihn im Sommer 2018 für ein Interview auf. Seinem Team wurden die Vernehmungsakten von 2013 zugespielt. In denen ist zu lesen, dass Mehmet O. eine der aktivsten Unterstützerinnen des NSU-Netzwerks, Susann E., mehrfach auf verschiedenen Bildern bei der zweiten Vernehmung wiedererkannt haben soll. 

Laut Mehmet O. hätten ihn die Beamten bei der Vernehmung nicht über den Kontext der Ermittlungen informiert. 19 Jahre nach der Tat erfährt er durch den Journalisten, dass er ein Opfer des Nationalsozialistischen Untergrunds ist. Später wird er als Nebenkläger vom NSU-Prozess aus „verfahrensökonomischen Gründen” ausgeschlossen. Sein Wunsch, den Täter*innen einmal selbst in die Augen zu blicken und ihnen zu zeigen, dass sie ihn nicht brechen konnten, bleibt unerfüllt.  

Im neuesten Film der Medienwerkstatt kann Mehmet O. seine Geschichte mit eigenen Worten erzählen. Für ihn ist es eine Selbstermächtigung nach den Jahren der Isolation und des Schweigens, die er durch rechtsextreme Gewalt und die einseitige Ermittlungsarbeit der Polizei erleben musste. In diesem ersten langen Fernsehinterview, das Mehmet O. mit der Journalistin Valeska Rehm geführt hat, gibt er Einblick in die Jahre der Ungewissheit, den Umgang von Staat und Polizei mit NSU-Opfern und wie er mit dem Erlebten heute zurechtkommt. Der BR-Redakteur Jonas Miller gibt Hintergrundinformationen zur rechtsextremen Szene der Vergangenheit und Gegenwart und ordnet ein. 


Der Film „Mehmet O. – Das unbekannte NSU-Opfer
 von Valeska Rehm läuft am Sonntag, 30. Juni, um 21 Uhr auf Franken Plus (Satellit) sowie um 19, 21 und 23 Uhr auf Franken Fernsehen (Kabel). Wiederholung am 7. Juli zu den gleichen Sendezeiten. Livestream: frankenfernsehen.tv.